Angedacht


Liebe Leser des Kirchenzettels,
gehorchen  ist  nicht  gerade  sehr hoch  angesehen.  Denn  wer  gehorcht, so die langläufige Überzeugung,  gibt  seine  persönliche  Freiheit  auf.  Er  ordnet  sich  anderen unter und verliert seine Autonomie. Ist das wirklich so?
In  der  Apostelgeschichte  ist  mit Gehorchen  auf  Gott  kein  blinder Gehorsam  gemeint.  Der  Spruch: “Man  muss  Gott  mehr  gehorchen als  den  Menschen“  fällt  in  folgender  Situation.  Die  Apostel  sind  wegen  der  Predigt  über  Jesus  gefangen genommen worden und stehen vor dem Gericht des jüdischen Rates.  Dieser  will  ihnen  die  Predigt über  Jesus  verbieten.  Das  Argument  des  Petrus  lautet  aber:  Wir müssen  Gott  mehr  gehorchen  als den  Anordnungen  des  Hohen  Rates!  Sie  werden  darum  weiter  das Evangelium in Kleinasien verkündigen.
Wenn man genauer hinsieht, muss Gehorsam  und  Freiheit  sich  nicht widersprechen.  Die  Apostel  hören aus  eigener  Überzeugung  auf  die Worte  Jesu,  weil  sie  diese  als  das Wichtigste  ansehen,  was  sie  kennen. Es ist das innere Hören  –  also gehorchen  -  auf  das,  was  für  sie wirklich  zählt.  Dies  geschieht  bei ihnen mit voller Hingabe. Das aber macht  sie  gerade  frei.  Das  macht sie frei von der Lehre in den Synagogen und in den staatlichen Bereichen.  Deren  Autorität  ist  begrenzt! Der Glaube an Jesus ist die Wurzel, aus der sie leben. Die Wurzel ihres Lebens  ist  weder  der  Staat  noch der  jüdische  Lehrbetrieb.  Das macht  die  Apostel  unbestechlich gegenüber  religiösen  und  politischen  Autoritäten  ihrer  Zeit.  Sie entscheiden nach dem Gebot Jesu, wie  Autoritäten  zu  beurteilen  sind. Eine  größere  innere  Freiheit  und gleichzeitig keine bloße eigene Willkür  sind die  Grundlage für  das  Leben, das die Apostel nun als Christen führen. Menschliche Vorstellungen,  Vorgaben  der  Gesellschaft auch  kirchlicher  Instanzen,  werden durch  die  Christen  sowohl  in  der Antike  als  auch  in  der  Gegenwart auf  den  Prüfstand  gehoben.  Keine Vorgabe oder Vorstellung sollte ungefragt  übernommen  werden.  Da wo  heute  Hetze  gegen  Menschen herrscht,  wo  der  Missbrauch  von Solidarität  besteht,  wo  Menschen in  der  freien  Äußerung  ihrer  Meinung eingeschränkt werden, wo mit offener  oder  versteckter  Gewalt, aus  welcher  politischen  Richtung auch immer, gegen Menschen vorgegangen  wird,  können  wir  als Christen uns ein eigenes freies Urteil gemäß dem Evangelium bilden und  dieses  auch  vertreten.  Christen  in  der  DDR  haben  sich  diese innere  Freiheit  herausgenommen, als  diese  eine  Diktatur  kritisierten. Christen  in  Lateinamerika  nehmen sich heute noch das Recht heraus, bei ihrer Gesellschaftskritik auf das Evangelium  zu  verweisen.  Zwar sitzen  wir  damit  oft  auch  schnell zwischen  allen  politischen  und  gesellschaftlichen  Stühlen  oder  sind in  der  Gefahr  von  diesen  vereinnahmt zu werden, aber wir vertrauen  darauf,  dass  Gott  letztlich  handeln wird. So heißt es in der Apostelgeschichte  weiter:  „Wenn  diese (die  Apostel)  wirklich  Gottes  Wort verbreiten,  dann  wird  Gott  mit ihnen sein, und ihr werdet sie nicht aufhalten können.“
Eine  Kirche,  die  diese  innere  Freiheit  besitzt,  braucht  keine  Angst vor der Zukunft zu haben und kann das  Jubiläum  der  Reformation  berechtigt feiern.

Ihr Pfarrer Johannes Reiff