Angedacht


Liebe Kirchenzettelleser/Innen,

„Wenn die Oma heute zum Essen kommt, dann sag bitte nichts über unsere Urlaubspläne! Du weißt ja, dann wird sie wieder ganz komisch, weil wir drei Wochen weg sind. Sie jammert uns dann immer die Ohren voll. Wir wollen doch einen schönen Sonntagnachmittag haben!“

So oder auch ganz ähnlich kennen wir es aus unseren Familien. Was wird nicht schnell unter den Teppich gekehrt, damit der liebe Frieden erhalten bleibt und es zu keinerlei Streitigkeiten kommt. Wir entwickeln dann Vorabsprachen und verschweigen, beschönigen oder blockieren Gespräche. Alles in bester Absicht – es soll zu keinerlei Streitereien kommen. Der sogenannte „Familienfrieden“ soll erhalten bleiben. Wir kennen die Klippen in der Familie. Wir wissen, wie jemand auf welches Thema „anspringt“. Einige versuchen dieses schnell zu umschiffen und andere nutzen bestimmte Themen, um mal wieder richtige Unruhe in die Familie zu bringen. Wir suchen Frieden und jagen ihm nach und legen dabei doch immer wieder gleich Nahrung für neuen Unfrieden. Denn, wenn das Umschiffen der Klippen aufgedeckt wird, dann gibt es gleich dafür wieder neuen Unfrieden. Es ist nicht immer einfach in einer Gemeinschaft Frieden zu finden. Das gilt auch für eine Gemeinde oder die Arbeitsstelle. Da werden schnell Worte auf die Goldwaage gelegt und Dinge gedeutet, die Anlass zu Misstrauen geben. Da behält man in Erinnerung, was der eine oder die andere einem mal angetan hat und packt das dann im passenden Moment wieder schön aus. Da fällt dann das Wort: Ich kann vergeben, aber nicht vergessen. Was auch immer dieses Wortspiel am Ende beinhaltet – es verheißt nichts Gutes!

Frieden ist ein Sehnsuchtsziel in all unseren menschlichen Beziehungen und ein Scheinfrieden ist ständiger Ort für neuen Unfrieden. Es liegt nahe, dass viel vom Frieden geredet wird, weil wir ihn so sehr vermissen - Anspruch und Wirklichkeit liegen oft weit auseinander.

"Suche Frieden und jage ihm nach!“, fordert David im 34. Psalm. Das ist auch die Jahreslosung für das Jahr 2019. Der kommende König David ist auf der Flucht vor dem mächtigen König Saul. König Saul sieht in David einen mächtigen Konkurrenten und das ist auch nicht falsch. David ist ein Konkurrent auf den Königsstuhl. David wird nach dem Tod Sauls in einer Schlacht zum König erhoben. König Saul ist als König wenig erfolgreich. Er ist mit sich und seiner Lage sehr unzufrieden. Er ahnt, was auf ihn zukommt. Und dann funkt noch dieser von allen geliebte junge David als Konkurrent dazwischen. Neid und Angst Sauls bilden die Grundlage für seine Mordabsichten gegenüber David. Er verfolgt ihn und jagt ihm nach.

David sucht und jagt nach Frieden mit dem König Saul. Schalom, wie es im Hebräischen heißt.
„Schalom“ ist die unverbrüchliche Hoffnung auf ein gerechtes und alle Feindschaft überwindendes Miteinander der ganzen Schöpfung. Diesem Frieden will David nachjagen. Aber Menschen können Frieden eigentlich nicht erschaffen. Das ist die bittere Wahrheit. Der wirklich echte, dauerhafte Friede ist eine Sehnsucht, die über unsere Kräfte hinausweist, aber um den wir in unserer Welt immer wieder ringen müssen, manchmal auch mit starken Kompromissen um des lieben Friedens willen.
Aber das Friedensthema geht noch weiter.Jesus begrüßt seine Jünger nach der Auferstehung mit „Friede sei mit euch.“ (Joh 20,19)

So, als würde er diesen Frieden aus einer anderen Welt bringen. Der auferstandene Jesus bringt einen Frieden in die Welt, den keiner von uns machen kann. Der Friede entsteht nicht einfach, indem wir aufhören zu streiten oder Kompromisse schließen. Jesus redet von einem Frieden, der umfassender ist, als alles, was wir an Frieden kennen. Der die Seele ruhig werden lässt. Ein Frieden, den nur Gott schenken kann. Es ist ein Friede, der alle innermenschlichen und zwischenmenschlichen Zwiespalte befriedet hat.

Frieden ist zu erringen und andererseits ein Hinweis auf die Quelle unserer tiefen Sehnsucht nach Frieden. Gott ist die Quelle dieser Sehnsucht. Er hat sie in uns angelegt. Menschen finden in der Frage nach Frieden auch die Frage nach Gott.
Er allein kann den wahren Frieden verbürgen. Gott legt mit unserer Sehnsucht gleichsam eine Spur zu ihm selbst.
Dieser Spur dürfen wir gern in Ruhe „nachjagen“.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr Pfarrer Johannes Reiff