Angedacht


Liebe Kirchenzettelleser,

nun bewegen wir uns schon einen Monat im Neuen Jahr. Ich hoffe, dass für Sie dieses Jahr ein erfülltes Jahr wird. Es warten wieder viele Möglichkeiten und auch Gefährdungen in dieser Zeit.

Im Vater unser, das wir beten, kommt es in der 6. Bitte zum Ausdruck: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns vom Bösen“. Was beten wir da eigentlich? Es gab vor kurzem eine Äußerung des Papstes und Reaktionen auch von evangelischen Theologen bezüglich der Übersetzung dieser Stelle des „Vater unser“. Beim Beten quält oft viele diese Bitte. Kann uns denn Gott in Versuchung führen? Ist denn Gott nicht ein Gott der Liebe? Wie soll er mich in Versuchung führen? Es ist sicherlich eine nicht einfache Frage. Sie rüttelt an unser Verständnis von Gott und damit auch an unseren Glauben. ,,Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott kann nicht in Versuchung kommen, Böses zu tun, und er führt auch selbst niemand in Versuchung“ , so geschrieben im Jakobusbrief 1,13.
Aber es gibt auch die Versuchungsgeschichte Jesu in der Wüste. Nach dem Jesus getauft wurde, ging er in die Wüste und wurde vom Satan versucht. Es ging bei all den drei Versuchungen darum, das Ansehen vor den Menschen und die Macht über diese als Mittelpunkt seines Lebenszieles festzulegen.  Jesus widerstand diesen Versuchungen. Das ganze Leben ist gepflastert mit Möglichkeiten, die uns als Menschen korrumpieren können. Im Hebräerbrief heißt es über Jesus: Wir haben ja nicht einen Hohepriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat" (4,15). Und auch im Buch Hiob erfährt Hiob, dass der Gerechte nicht vor großem Schaden bewahrt bleibt und damit versucht wird, an Gottes Liebe zu zweifeln. Der Glaube Hiobs erweist sich nicht als Fassade oder aufgesetzt. Es ist für Hiob ein im Leben durchlittener Glaube. Im Leben erfahren wir aber, dass nicht alles ohne Schmerzen umgesetzt werden kann. Es gehört zu unserer Erfahrung, dass Gott das Böse in der Welt zulässt. Wenn Gott den Menschen Freiheit der Entscheidung schenkt, dann auch die Möglichkeit sich für das Böse zu entscheiden. Entscheidungen sind oft schmerzvoll und nicht einfach. Wir erleben gerade heute eine mangelnde Entscheidungsfreude in unserer Gesellschaft. Niemandem soll Unrecht entstehen – können wir das überhaupt jemals erreichen? Niemand will etwas falsch entscheiden. Aber auch ein sich nicht entscheiden kann gefährlich sein. Unser Glaubensleben ist nie etwas Theoretisches – etwa in dem Sinne, dass wir an eine mögliche göttliche Kraft glauben, weil wir es nicht besser wissen. Unser Leben fordert fast jeden Tag von uns Entscheidungen ab, die oft nicht einfach sind und mit verschiedenen Folgen beladen sein können. Diese sollen wir als Christen treffen. Im Brief an die Korinther schreibt Paulus: Gott ist treu; er wird nicht zulassen, dass ihr über eure Kraft hinaus versucht werdet. Er wird euch in der Versuchung Ausweg schaffen, so dass ihr sie bestehen könnt“ 1 Kor 10,13.
Wenn wir darum im Vater unser beten: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns vom Bösen“ dann bitten wir um seinen Beistand. Letztlich ist für Gott alles möglich – er kann uns auch in Versuchung führen. Und wir wissen, dass wir uns immer wieder innerlich und konkret entscheiden müssen. Und wir bitten Gott, dass er es nicht über unsere Kräfte hinaus tut.
Wir bitten Ihn, dass er uns den Weg durch das Leben zeigt. Darum ist auch die Formulierung: „Und führe uns in der Versuchung...“ aus meiner Sicht eine weitere angebrachte Formulierung dieser Bitte. Sie sagt aber nur anders formuliert aus, was auch die gängige „Vater unser“ Formulierung sagt.
Das „Vater unser“ mit seinen sieben Bitten gehört zu unseren spirituellen Grundgebeten. In diesen Bitten stehen wir besonders vor Gott und seinem Wirken. Im Judentum versinnbildlicht die Zahl sieben den Abschluss und den Beginn eines neuen Zeitraumes.
Zu dieser siebener Zahlenreihe gehören die sieben Tage der Schöpfung, die sieben Werken der Barmherzigkeit und die sieben Gaben des Heiligen Geistes. Sie zeigen auf, dass wir in unserer Zeit und der Schöpfung, im barmherzigen Handeln und in der göttliche Inspiration in unserem christlichen Leben von Gott geführt werden . Die sieben Formulierungen des „Vater unser“ sind darum auch nicht auswechselbar, wie das Ablegen von Wäschestücken. Wir stehen mit unseren Texten immer in einer Verbindung zu unseren christlichen Vorfahren und Glaubensaussagen. So legen wir auch Wert auf die Luthertexte und versuchen sie unserer Zeit und deren Sprache sanft aber gerecht anzupassen. Es entstehen darum auch manchmal Unsicherheiten. Diese eröffnen aber auch gleichzeitig die Möglichkeit über unseren Glauben miteinander zu sprechen. So gesehen ist das Stolpern über Formulierungen auch eine Möglichkeit über unseren Glauben nachzudenken – wie ist es denn gemeint?

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Pfarrer Johannes Reiff