Angedacht


Liebe Kirchenzettelleser/Innen,

wie  soll  eine  menschengerechte Stadt  aussehen?  Das  scheint  schon immer  ein  Thema  zu  sein,  seitdem Menschen  in  Städten  wohnen.  In unserem  Neuen  Testament  nimmt der  Autor  der  Offenbarungsschrift dieses  Thema   auf  und  sieht  in  seinen  Zukunftsbildern  das  neue  Jerusalem.  Die  neue  Stadt  Gottes  lässt Gott  in  diesem  Bilde,  am  Ende  der Welt, auf uns herabkommen.

Jeder  von  uns  kennt  Stadtpläne. Ebenso  kennen  wir  viele  Spiele  für die  Familie,  die  sich  in  irgend  einer Weise  mit  Städten  beschäftigen:  So z.B.  „Die  Siedler  von  Catan“, „Monopoly“, „Reise nach Jerusalem“ und  „Scotland  Yard“.  Darin  werden dann  Verbrechen  in  einer  Stadt  aufgeklärt, Häuser verkauft, gekauft und Gewinne  gemacht,  Siedlungen  und Städte  gegründet  und  bei  der  Reise nach  Jerusalem  will  jeder  einen  festen Platz in Jerusalem ergattern. Alle Spiele spiegeln
Aspekte des Stadtlebens  wieder.  Wir  nähern  uns  damit spielerisch  einigen  Problemen  der Stadt.

Die  ganze  Welt  ist  vernetzt,  Feldwege,  Schienenstränge,  Autobahnen, Stromnetze,  Kanäle,  Datennetze. Alles  wird  irgendwie  zu  einer  großen globalen Stadt.
Wir sehen in jeder Stadt Vorzeigeorte und Orte  an  denen  eigentlich  keiner wohnen  möchte.  Die  Stadt  ist  unser Lebensraum.  In  der  Stadt  findet  für die  überwiegende  Menschheit  ihr Leben  statt.  Darum  wird  die  Stadt auch  zum  Ort  der  Gestaltung  von Lebensraum  und  Zukunft.  Wir  kennen  das  von  unserer  Stadt  Berlin. Perspektiven  und  Visionen  für  eine Stadt  sind  wichtig.  Damit  beschäftigen  sich  Städteplaner,  Politiker  und Architekten. Aber diese Perspektiven werden  immer  wieder  von  den  unplanbaren  Realitäten  überholt.  Umweltfragen,  Bevölkerungswachstum, Wohnraum, Armutsgefälle…, sind nur einige  dieser  vielen  Spannungen  für eine Stadt.
Und natürlich wird die Stadt auch zu einem  Ort  geistiger  und  spiritueller Erwartung. Kirchen, Moscheen, Synagogen  und  Tempel  bevölkern  darum auch unsere Stadt Berlin. Aus diesen „heiligen“  Orten  fließen  unsichtbar die spirituellen Wurzeln der Stadtbevölkerung in die Stadt ein. Die  dortigen Vorstellungen über eine gelungene  Gemeinschaft und deren Zukunft sind prägend für eine Stadt und werden doch kaum wahrgenommen.

So  hat  auch  unsere  Heilige  Schrift, das Neue Testament, Bilder für eine Stadt.Johannes, wie sich der Autor der Offenbarung  nennt,  sieht  die  heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott auf uns zukommen.
Es ist nicht das neue irdische Jerusalem,  sondern  die  Vision  des  Wohnens  wie  es  sich  Gott  für  uns  vorstellt. Auf keiner Karte ist diese Stadt verzeichnet.  Sie  kommt  zu  uns  und lebt  bereits  schon  in  uns.  Es  ist  ein Ort ohne Leid und Tod, ohne Tränen und  Geschrei.  Es  ist  ein  Ort  in  dem alle  Menschen  zusammenkommen können,  alte  und  junge  Menschen, und das auch noch in Frieden. Diese Vision  des  neuen  Wohnens  ist  uns allen nicht fremd. Eigentlich ist sie in uns  irgendwie eingebrannt als  Ideal. Darin  soll  ausreichend  Platz  und Nahrung und Freude für alle vorhanden sein.

Wir sind weit davon entfernt, und wer heute eine Wohnung in Berlin versucht zu bekommen, muss sich mit den harten Realitäten beschäftigen. Was hilft da der Blick auf das neue Jerusalem? Ich denke, dieser Blick ist in mindestens zweifacher Weise wichtig.
Ohne diesen Blick fehlt uns Menschen eine wirkliche fundierte Perspektive für unser Zusammenleben. Es ist eine notwendige Vision und Antrieb für unser Zusammenleben. Und gleichzeitig zeigt dieses Bild, dass alle Wünsche, die wir in uns hegen, nicht durch uns Menschen erfüllt werden können. Diese zwei Aspekte fordern uns zum Handeln auf und machen uns gleichzeitig bescheiden.
Der Autor der Offenbarung, der um das Jahr 100 lebte, kannte die römischen Städte. Es waren Luxusvillen und schlimmste Armutsviertel, Spelunken und Arenen, wie das Kolosseum, in denen sich Menschen und Tiere gegenseitig umbrachten. Es gab Tempel, in denen man versuchte, die Mächte der Götterwelt durch Opfer auf seine Seite zu ziehen.Johannes hat eine christliche Vision von einer Stadt. Er stellt sie gegen die antike heidnische Stadt. Etwa 1500 Jahre später schrieb der englische Lordkanzler Thomas Morus sein Buch „Utopia“ – übersetzt der „Nirgendsort“. Für Johannes und für Thomas Morus ist allein Gott der Garant, dass es diesen Traum der idealen Stadt nicht umsonst gibt. Der Traum dieser Stadt ist notwendig, damit wir nicht innerlich frustriert sterben. Gott ist es, der die Welt vollenden wird.
Johannes zeigt damit seinen Mitchristen – es gibt diesen Traum und er hat seine Berechtigung! Aber glaubt nicht, dass dieser Traum aus unserer Kraft heraus wächst, er wird ein Gottesgeschenk sein! Alle, die bereits jetzt an diesem Traum mitarbeiten, bleiben aber so innerlich lebendig! Sie erhalten Kraft für ihren Lebens- und Handlungsantrieb. Ja, wir wollen bereits jetzt anfangen so etwas zu gestalten und Gott wird es noch viel schöner vollenden!

Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Herbst!

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Pfarrer Johannes Reiff