Angedacht


Bildbetrachtung

Warum Angst in Worte gehört - Zur Bibelstelle Markus 4, 35-41

Mit Beginn der Passionszeit am Aschermittwoch erinnern sich Christen an die 40-tägige Leidensgeschichte Jesu. Viele fühlen sich in dieser Zeit in das Leid Jesu ein und verzichten auf liebgewonnene Gewohnheiten. Sie fasten.
Viele beschäftigen sich in dieser Zeit auch verstärkt mit Grundfragen des Lebens, wie z.B. den Umgang mit Ängsten. Wie gehe ich mit Ängsten um, wer steht mir bei? Diese Fragen werden sich auch die Jünger Jesu gestellt haben und auch unsere heutige Zeit ist geprägt von vielerlei Ängsten.

Hierzu einige Gedanken von Michael Becker zum Bild auf der Titelseite.

So  könnte  Angst  aussehen,  meint die  Fotografin  mit  ihrem  Bild.  Das Gehirn  überdreht,  überschlägt  sich vielleicht  vor  banger  Erwartung. Angst ist selten steuerbar. Sie ist in uns  als  Schutz  und  führt  dennoch ein gewisses Eigenleben. Sie ist da, wenn man sie braucht als Meldung oder  Abwehr  von  Gefahr;  sie  ist aber  auch  da  und  wächst,  wenn Gefahr  eher  „gefühlt“  ist  und  in Wirklichkeit nicht besteht. Angst, so hilfreich  sie  oft  ist,  bedroht  einen gelegentlich selbst. Dann wird man vor  Angst  handlungsunfähig.  Sie übersteigt  die  Wirklichkeit  in  einer Weise, dass sie eher lähmt als tätig macht. Wir scheinen wie besessen von Angst.
Das  Bild  drückt  aus,  wie  wir  uns manchmal  fühlen:  voller  Entsetzen über  etwas  –  über  andere  Menschen  oder  uns  selbst.  Angst  ist schillernd.  Sie  hilft  und  schadet uns. Manchmal ist sie zu groß und manchmal  zu  klein.  Wir  sind  Teil unserer Ängste. Manchmal steuern wir sie, manchmal steuern sie uns.
Kaum ist Jesus auf der Welt, ist er auch  schon  erwachsen.  Das  geht immer schnell im Kirchenjahr. Und kaum ist Jesus getauft und hat Jünger um sich gesammelt, haben sie dramatische  Erlebnisse.  Jesus selbst  schickt  die  Jünger  auf  den See, auf dem sich dann der Sturm erhebt. Er peitscht Wellen ins Boot. Jesus  scheint  davon  nichts  zu  bemerken,  er  schläft.  Das  ärgert  die Jünger,  weswegen  sie  ihn  wecken und ihn zur Rede stellen. Jesus vermag  es,  den  Sturm  zum  Aufgeben zu  zwingen.  Er  stellt  dann  seinerseits die Jünger zur Rede und fragt: Was  seid  ihr  so  furchtsam?  Habt ihr noch keinen Glauben?  Man beachte  das  Wörtchen  „noch“.  Jetzt fürchten sich die Jünger erst recht. Nicht  mehr  vor  Wind  und  Wellen, sondern vor der Macht ihres neuen Freundes,  den  sie  noch  nicht  gut genug  zu  kennen  scheinen.  Ihre Furcht  sagt:  Wer  ist  der,  dass  ihm Wind und Meer gehorsam sind?
Es  geht  um  die  Beherrschung  der Angst durch Glauben. Das erwartet Jesus, der vor lauter Gottvertrauen sogar  bei  Wind  und  Wellen  schlafen  kann.  Dass  die  Wellen  schon ins  Boot  schlagen,  macht  ihn  vielleicht nass, aber nicht so ängstlich, dass er aus seinem Schlaf erwacht oder der Sturm ihn weckt. Mit Gott ist  gut  ruhen,  erzählen  uns  die Evangelisten  Markus,  Matthäus und  Lukas.  Das  hätten  sie  gerne. Wir wissen aber, dass es ein frommer  Wunsch  ist,  der  sich  oft  nicht erfüllt. Es gibt Stürme, die machen, dass  das  Gehirn  sich  überschlägt wie  auf  dem  Bild  und  die  Ängste uns unruhig und unsicher machen; oder die Sinne hoffnungslos durcheinander bringen.
So edel die Absichten in dieser Erzählung  sind:  wir  haben  die  Angst oft  nicht  im  Griff  und  können  sie durch  Gottvertrauen  nicht  zum Schweigen bringen. Und dann?
Dann  ist  Gott  trotzdem  da.  Jesus auch. Wir wissen ja, dass es so einfach  nicht  ist,  wie  es  manchmal klingt:  wir  beherrschen  unsere Angst  durch  Glauben.  Das  sollten wir  können,  können  es  aber  oft nicht.  Die  Ängste  sind  dann  zu groß,  die  Ansprüche  ans  Leben  zu gewaltig und der Glaube zu schmal. Das Leben macht Angst: vor Krankheit,  vor  Trennung,  vor  Verlust  der Sinne im Alter, vor dem Ausbleiben der  Freunde  und  vor  vielem  anderen auch. Die Ängste im Leben verändern  sich.  Was  dem  Erwachsenden Angst machte, lässt einen älteren  Menschen  nur  schmunzeln. Und  was  Ältere  ängstigt,  versteht ein  Jüngerer  nicht  und  möchte  es Älteren ausreden.
Überhaupt  das  Ausreden.  Das  tut man gerne, weil man sich ja selber ängstigt  und  dagegen  anredet. Angst  kann  man  nicht  ausreden, nur ernst nehmen.
Wer  Angst  ernst  nimmt  beginnt, sie  etwas  in  den  Griff  zu  bekommen.  Angst  wabert,  das  ernstnehmen und sie in Worte fassen kann sie bändigen. Angst gehört in Worte -  zu Freunden, die nicht abwiegeln oder  beschwichtigen;  und  zu  Gott, der  mich  und  meine  Angst  hört. Angst  gehört  zum  Leben,  sie  erweist  mir  einen  Dienst  und  macht mich  aufmerksam.  Wenn  ich  allerdings  merke,  dass  sie  mich  zu  beherrschen  beginnt,  versuche  ich, sie ein wenig in den Griff zu bekommen.  Das  geht  am  besten,  wenn ich sie in Worte fasse. Angst gehört in Worte; sie gehört ausgesprochen -  gegenüber  sich  selbst,  Freunden und Gott. In der Welt haben wir Angst. Wer sich damit an Gott wendet, erfährt Hilfe. Zuerst die Hilfe der Beruhigung, als legten sich Sturm und Wellen in meiner Seele. Aber auch die Hilfe der Macht Gottes. Was auch geschehen mag – wir arbeiten mit Gottes Hilfe und mit Hilfe von Freunden tapfer dagegen und werden nicht versinken. Wir sind und bleiben in Gottes Armen.

Michael Becker mit Vorwort von S. Peterk