Reformation


Hier stehe ich...

Plakatausstellung zur Reformation in unserer Kirche

30 sehr informative, farbige Plakate zur Reformation und Ihrer Wirkungsgeschichte können Sie in unserer Kirche besichtigen. Personen, Ereignisse, Musik und Ähnliches sind unter anderem Themen dieser Plakate.

Die Ausstellung wurde am 17. September im Gottesdienst eröffnet und wird bis zum Ewigkeitssonntag zu besichtigen sein.
Unser Gottesdienst zur Reformation findet am 22. Oktober um 11.00 Uhr statt. Sie sind dazu herzlich eingeladen. Bitte nutzen Sie auch die vielfältigen anderen Angebote im Kirchenkreis.


Hier stehe ich, ich kann nicht anders -

500 Jahre Reformation

Wer kennt ihn nicht, den berühmten „Petersdom“ in Rom. Im Fernsehen groß im Bild, wenn der Papst huldvoll vom Balkon winkt. So ein riesiges Gebäude: 20.000 Menschen haben darin Platz! Dass der viel Geld kostete ist ja wohl klar. Und wie heute war es auch vor 500 Jahren: der Steuerzahler wird's schon richten. Ist die Frage: wie kommt man an das Geld des kleinen Bürgers?

Seit Ende des 8.Jh war die Entrichtung des „Peterspfennig“ üblich, laut Papst Benedikt (2006): „die Teilhabe aller Gläubigen an den wohltätigen Initiativen des Bischofs von Rom für die Weltkirche.“ Aber wenn der doch nicht reichte? Der damalige Papst erließ daher ein Gesetz, das lukrative Geschäft mit dem sogenannten „Ablasshandel“ auszuweiten. (Ablass = du hast gesündigt? Dann wirst du bestraft. Kaufst du aber einen Ablass, wird dir die Strafe erlassen.)


Magdeburg 1517. Markgraf Albrecht von Brandenburg hatte sich -entgegen der Kirchenordnung -ZWEI Bischofssitze UND einen Erzbischofssitz zugelegt. Der Papst erließ ein Strafgeld gegen diese Ämterhäufung - - und duldete sie. Denn Papst Leo X. (geborener di Medici) hatte eine Idee: er ließ sich das Strafgeld durch seinen guten (christlichen) Geschäftspartner, dem Bankhaus Fugger, SOFORT auszahlen. Albrecht sollte dann das Geld wieder eintreiben lassen und bei den Fuggers abzahlen. Da schwitzte der sowieso schon hoch verschuldete Albrecht auf seiner Residenz in Moritzburg! Doch half ihm die Einstellung eines neuen Mitarbeiters: der Mönch Johann Tetzel, wegen unsoliden Lebenswandels, Ehebruch und Spielbetrugs bereits zum Tode durch Ertrinken verurteilt - dann aber freigehandelt - wurde von Albrecht als Ablasshändler in Chefposition eingestellt. Und der verstand sein Handwerk! War der Ablasshandel bisher streng geregelt und konnten nur bestimmte Sündenstrafen durch Geld erlassen werden und nur in Zusammenhang mit 'tätiger' Reue, so machte Tetzel es dem gläubigen Volk mit marktschreierischer Manier einfacher: zahlt MEHR, dann werden euch die Strafen OHNE weiteres Zutun erlassen. Was für ein Geschäft! Ermöglicht durch die neuen päpstlichen Ablassgesetze! Die Hälfte des Geldes ging an den Bau des Petersdoms, die andere Hälfte teilten sich Albrecht und Tetzel. Alle waren zufrieden. Alle? Nein! Ein unbeugsamer Mönch hört nicht auf, dem Papst Widerstand zu leisten. Und das Leben wurde nicht leicht für den Ablasseintreiber Tetzel, der als Ausführender in den befestigten Lagern Jüterbog, Halle, Eisleben, Zerbst und Berlin umherzog... So wetterte Luther gegen Tetzel:
'Wenn einer gleich die heilige Jungfrau Maria, Gottes Mutter, geschwängert hätte, so könnte es der Tetzel vergeben, wenn man in den Kasten lege, was sich gebühre.'
Für Luther gab es eine grundlegende Frage: Warum hatte Apostel Paulus geschrieben, das HEIL komme ALLEIN durch GOTTES GNADE? Womit konnte man Gottes VERGEBUNG wirklich ERLANGEN? Mit Opfer, Reue, Buße, Redlichkeit oder durch gute Werke??

Durch sein legendäres „TurmErlebnis“ wurde ihm klar: Vergebung und Gnade sind das GESCHENK Gottes an jeden Menschen DIREKT. Man muss sie nicht erlangen – und kann sie schon gar nicht erkaufen. So schrieb er in seinen „95 Thesen“ in These 36:

„Ein jeder Christ, der wahre Reue empfindet über seine Sünden, hat völlige Vergebung von Strafe und Schuld, die ihm auch ohne Ablassbriefe gehört.“ also: Niemand kann Vergebung ohne Reue erhalten. Aber wer wirklich bereut, hat Anspruch auf völlige Vergebung –auch ohne bezahlten Ablassbrief.

50 Jahre später wurde der Ablasshandel verboten.

500 Jahre später feiern wir die Veröffentlichung der „95 Thesen“ am 31. Oktober 2017 mit einem großen Reformations-Jubiläum. 500 Jahre evangelische Kirche. Wir haben Geburtstag – feiern Sie mit!

C. Lehmann

Papst Leo X mit Kardinälen, Raffael 1517

20. Dezember (1552)

Das „Katharinen-Portal“

Gedenktag der Evangelischen Kirche Deutschlands an „die Lutherin“

Martin Luther bekam von seiner Frau zum 57. Geburtstag das „Katharinen-Portal“ geschenkt. Gefreut hat er sich nicht so sehr, denn er sah es als Geldverschwendung an. Seine Frau hingegen entschied, dass so viele Menschen in ihrem Hause ein- und ausgehen, dass ein schönes Eingangstor angebracht sei. Was war das für eine Ehefrau?
 
Am 29.01.1499 erblickte Katharina von Bora auf einem verarmten Adelsgut südlich von Leipzig das Licht der Welt. Mit fünf Jahren brachte sie ihr verwitweter Vater ins 60 km entfernte Kloster Brehna, gab sie für 30 Groschen dort ab und bestimmte damit ihren Lebensweg als Nonne. Selbst wenn sie als Erwachsene wünschte, ein anderes Leben führen zu wollen – es war ihr bei Strafe verboten. Unwiderruflich. Lebenslang.
Eltern aller Gesellschaftsschichten war es ab dem 6.Jh. erlaubt, ihr Kind als Opfergabe im Kloster („verschlossener Ort“) zu lassen. Arme Familien hatten so die Möglichkeit, ihren Kindern eine Versorgung zu gewährleisten. Beerbt wurde nur der älteste Sohn, die anderen mussten sehen, wo sie bleiben. Töchter heirateten – aber nur, wenn man die Mitgift zahlte, was sich viele jedoch nicht leisten konnten. Für wohlhabende Eltern war es eine Prestige- und Ehren-Sache, Kinder für das Kloster zu „opfern“. Nun hatten sie jemanden, der „von Berufs wegen“ für das Seelenheil der Familie zuständig war. Den Klöstern wiederum wurde so über Jahrhunderte der Nachwuchs gesichert.
Klöster waren als Teil der mittelalterlichen Gesellschaftsstruktur in vielen Bereichen für das alltägliche Leben der Bevölkerung wichtig. Ihnen gehörte Land, das an Bauern verpachtet oder selbst bewirtschaftet wurde. Sie verliehen Geld, betrieben Handwerk, gaben Reisenden Unterkunft, versorgten Kranke (Klosterapotheke), vermittelten Bildung und Kultur - staatliche Schulen gab es noch lange nicht. Im späten Mittelalter übernahmen Städte die Aufgaben der Klöster, die auf soziale Tätigkeiten wie Krankenpflege reduziert wurden. In Nach-Reformatorischer Zeit spielten sie kaum eine Rolle mehr.
Katharina wuchs auf. Mit 10 Jahren wurde sie ins Kloster Nimbschen bei Grimma gebracht, in dem ihre Tante Äbtissin war und mit 16 Jahren, zum frühest möglichen Zeitpunkt, legte sie ihr Gelübnis als Nonne ab. Sie lernte Gärten und Äcker bestellen, lesen und schreiben (das konnten damals nur 5 % der Bevölkerung), Latein und betriebswirtschaftliche Abläufe. Umfangreiche Bildung – das hat Folgen...  Luthers Schriften fanden ihren Weg in Katharinas Kloster. Die Frauen waren begeistert von den Ideen des Theologen und hielten es irgendwann nicht mehr aus... Am Karsamstag 1523 fuhr ein Wagen vor, gesandt von Martin Luther. Im Schutz der Dunkelheit und versteckt hinter Heringsfässern flohen 12 Nonen aus dem Kloster. Entlaufene Nonnen. Gesellschaftliche Ächtung. Obdachlos. 
Luther brachte die Frauen bei Freunden unter. Um sie zu versorgen, vermittelte er Ehemänner. Mit Katharina, die bei dem Maler Lucas Cranac wohnte, wurde es schwierig. Sie war eigenwillig. Luther fühlte sich veranwortlich, fand aber keine Lösung für sie und willigte selbst einer Heirat ein. Gegen den Rat vieler Freunde heiratete der 42 jährige Martin am 13.Juni 1525 die 16 Jahre jüngere Katharina. Erst kurz zuvor war - verbotener Weise - der erste Geistliche in den Ehestand getreten. Welch Skandal! Priester heiratet entlaufen Nonne! Als Hochzeitsgeschenk des wohlgesonnenen Kurfürsten bekamen sie das ehemalige >Schwarze Kloster< geschenkt, in dem Luther bereits seine Arbeitsstube hatte. Katharina war in ihrem Element! Sie konnte hier alles anwenden, was sie  gelern hatte: den großen Haushalt wirtschaftlich und gewinnbringend führen, Ländereien kaufen, verwalten und bewirtschaften, Viehzucht, Bierbrauerei, Gäste versorgen, Kinder großziehen, ein Hospiz für Pestkranke führen, bedeutende Schriften selbst lesen und als einzige Frau bei den berühmten Tischreden Luthers mitreden.
Die Lutherin steht für einen neuen Begriff: sie gilt als Begründerin des >evangelischen Pfarrhauses<, das sich  auszeichnet durch offene Gastfreundlichkeit, soziales Engagement, demokratisches Auseinandersetzen,  überdurchschnittliche Bildung, geistliches Potenzial UND  Familienleben - bis heute geprägt durch bedeutende Personen, die aus einem ev. Pfarrhaus stammen wie Nietzsche, H.Hesse, van Gogh, Schleiermacher, Dürrenmatt, Ingmar Bergmann, Joh. Rau, A.Merkel, J. Gauck, u.v.m.  In der Zeit der Deutschen Wiedervereinigung waren ev. Pfarrhäuser maßgeblich involviert – und Honecker wurde Unterkunft gewährt.

C. Lehmann

Symbol der Protestanten


Hier stehe ich, ich kann nicht anders

- Elisabeth -

Stille. Jetzt müssen die Einsetzungsworte kommen: „Dein Leib für dich gegeben - Dein Blut für dich vergossen“. Ja! DEIN BLUT FÜR DICH – heute hat jedes dieser kurzen Worte seine eigene Länge und eine besondere Bedeutung! Seit 100 Jahren ist es verboten, das „Blut Christi“ an Laien zu vergeben, an dich und mich, in beiderlei Gestalt, also mit Brot UND Wein. Der Wein im Kelch ist nicht kühl, doch belebt er meinen ganzen Körper. Für dich, Jesus, stehe ich ein, für dein Blut lebe ich. Ich schließe die Augen und höre auf den Klang der Osterglocken - Ostern im Jahr 1527.


Neumond. Finsternis. Ginster schlägt mir ins Gesicht. Nur den Weg nicht verlieren. Hauptsache, meine Flucht wird so spät wie möglich entdeckt! Wenn die Kinder zu Hause nur so lange wie möglich nichts erzählen. Meine lieben Kinder stehen auf meiner Seite, sind begeistert von Luthers Predigten! Nur mein Gatte, der Sturkopf! Er will nicht verstehen. Fünf Jahre versuche ich, ihm alles zu erklären. Nun hat er gehört, dass ich das Abendmahl in beiderlei Gestalt
genommen habe und mir lebenslange Gefangenschaft angedroht!

Tagesanbruch - und dort ist das Tor des Schlosses Torgau. „Wer da?“ „Elisabeth, Prinzessin der königlich dänischen Krone, Gemahlin des brandenburgischen Kurfürsten Joachim I. Nestor. Lasst mich ein zu meinem Onkel, Kurfürst Johann von Sachsen.“ - Endlich in Sicherheit!


Meine liebe Tochter Elisabeth! Torgau, im November 1528

Wie gern würde ich wieder nach Hause, nach Berlin gehen! Aber Dein Vater, der meine Rückkehr verlangt, stimmt meiner Forderung nach freier Religionsausübung nicht zu. So kann ich nicht mit ihm leben und bleibe in Torgau. Nimm dich vor deinem Vater in acht, der die „Lutherischen Ketzer“ mit allen Mitteln verfolgt. Sein Bruder hat ja eigenhändig den Ablasshandel eingeführt, der Luther zum Anschlag seiner Thesen veranlasste.


Joachim weiß nicht was er tut und hängt neben der Reichskirche dem Okkultismus an. Vor einigen Jahren wurde eine Wiederholung der biblischen Sintflut prophezeit. Er befahl seinem Hofastrologen gar strengste Geheimhaltung und erließ Gesetze, dass Bootbau und Verlassen der Stadt verboten sei. Als am Morgen des 15.Juli 1524 tatsächlich ein starkes Gewitter losbrach, flüchtete Joachim aus der Stadt auf den Tempelhofer Berg (Kreuzberg). Das Volk hat es mitbekommen und brach in Panik aus. Es folgte ein Aufstand gegen ihn.

Und dann diese furchtbaren Judenverfolgungen!

Um uns herum ging es klüger zu. 1525 wurde das Herzogtum Preußen durch meinen Bruder Albrecht gegründet und die Reformation eingeführt. Kannst du dich erinnern? Du warst 15 Jahre alt und hattest gerade geheiratet.

Und weißt du noch, wie mein Bruder König Christian II von Dänemark 1523 in Wittenberg im Hause Cranach weilte und der Frau Lutherin einen goldenen Ring schenkte? Oh, wie hat mir diese Verbindung zu den Wittenberger Reformatoren jetzt nach der Flucht gegen Joachim geholfen. Ohne ihre Fürsprache könnte ich nicht hier bleiben. Luther kommt mich manchmal besuchen.

Nun sitze ich hier in Torgau. Meine Geldreserven gehen zur Neige. Ich halte mich mit Not über Wasser und muss mich sehr verschulden. Aber ich will nicht klagen.

Grüße deinen lieben Mann. Er ist so gut zu dir.

Deine Mutter Elisabeth


Liebe Mutter! Münden am 1. November 1539

Welch besondere Tage für Brandenburg! In der Spandauer Nikolaikirche und in der Berliner Nikolaikirche ist zum ersten mal die Feier des lutherischen Abendmahls &quot;in beiderlei Gestalt&quot;; vollzogen worden! Der ganze Adel des Teltow, Barnim und Havellandes nahmen teil! Mit dem heutigen Tag beginnt in Brandenburg die Reformation!

Wenn du später mal nach Hause zurückkehrst, kannst du auch gut in der Zitadelle Spandau wohnen und in der Nikolaikirche Hilfe bieten.

Ach, seit Vaters Tod 1535 hat sich so vieles verändert! Vaters testamentarische Verpflichtung an seine beiden Söhne, auf ewig katholisch zu bleiben, haben beide sofort abgelehnt. Und mein Bruder Joachim II. Hector, der an Vaters Stelle trat, hat nun sogar das Gegenteil bewirkt: das Land reformiert! Er hat auch die Juden wieder hereingelassen, nachdem Philipp Melanchthon in diesem Frühjahr die Unschuld der Juden an der Hostienschändung von 1510 belegte – die von Vater und und seinem Bruder maßgeblich fingiert war...

Und dir geht es nun auch besser, wo deine Söhne dir Geld schicken können.

Gleich nach Vaters Tod hat Joachim seine Ideen umgesetzt und mit seinen Bauvorhaben begonnen: das Berliner Schloss wurde 1536 nach dem Vorbild des Torgauer Schlosses umgebaut! Seine Ehrerbietung. Nun will er noch ein Jagdschloss im Grunewald errichten. Es soll mit einer großen Straße direkt vom Stadtschloss verbunden werden (Kurfürstendamm). Später will er ein weiteres Schloss in Köpenick errichten. Oh, er macht alles so wunderbar! Aber was das kosten muss...

Ich selbst korrespondiere noch fleißig mit dem Doktor Luther. Und meine Abende verbringe ich mit der Niederschrift von meinen zahlreichen geistlichen Liedern. Als Herzogin von Braunschweig-Calenberg-Göttingen nennt man mich hier schon die „Religionsfürstin“, da ich das südliche Niedersachsen bereits für Luther gewinnen konnte. So geht alles seine guten Wege.

In liebender Verehrung, Deine Tochter Elisabeth

Elisabeth von Dänemark, Kurfürstin von Brandenburg ist 1555 wenige Tage vor ihrem 70. Geburtstag im Berliner Stadtschloss verstorben. Im selben Jahr beendete der Augsburger Religionsfrieden die Glaubenskriege der Reformationszeit. Die Landesfürsten hatten nun das Recht, die Konfession zu wählen: wessen Gebiet, dessen Religion. Dies führte zur Anerkennung der lutherischen Glaubenslehre.

Ihre Tochter Elisabeth von Brandenburg, Herzogin von Braunschweig-Calenberg-Göttingen überlebte ihre Mutter nur um 3 Jahre. Auf ihrem Grabstein steht ihr selbst verfasstes Gedicht: Zuvörderst ist mir Jesus Christ / Allzeit gewest das höchste Gut. / Durch seinen Geist gab mir der Mut, / Dass ich mich christlich hab ermannt/ Und pflanzt sein Wort in dieses Land.

C. Lehmann

(Die Erzählung ist frei erfunden. Die Daten sind belegt, Zusammenhänge könnten aber historisch nicht einwandfrei sein)