E-Estragon


20 Jahre Ensemble Estragon – nomen est omen

Nun, 20 Jahre, das klingt doch nach einem Jubiläum! Doch statt oder als Präludium zu einer noch nicht geplanten Party hier erst mal ein paar Blicke zurück: Ist es wirklich schon 20 Jahre her, dass unsere Gemeindegruppe sich umtaufte und somit nach und nach sein Jugendchor-Image ablegte? Wie war das eigentlich – damals?
Eine Neugründung war die Entstehung des Ensemble Estragon sicherlich nicht. Es war eigentlich ganz lapidar: Wir, ein Jugendchor, wollten auf den Deutschen Evangelischen Kirchentag 1999 nach Stuttgart fahren, um dort im Rahmen des Kulturprogrammes unser neues, zur Kirchentagslosung passendes Musical „Das Salz von der Erde…“ aufzuführen. Unglücklicherweise war der Name „Jugendchor der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Neu-Buckow“ zu lang für das Anmeldeformular. Da es, wie man sich vielleicht noch erinnert, in dem Musical um Gewürze als Sinnbild für die Schätze dieser Welt ging, machte jemand (war ich es gar selber?) scherzhaft den Vorschlag, „Ensemble Estragon“ ins Formular einzutragen. Ganz lustig eigentlich; „Estragon“ war das erste gesungene Wort im Musical, im „Spice Song“, in dem alle uns bis dato bekannten Gewürze aufgezählt wurden. „Ensemble Estragon“ war zudem relativ kurz, einprägsam, mit zweimal acht Buchstaben von ansehnlicher Symmetrie und mit einem Doppel-E versehen, das sich auch als Logo gut machen würde. Gesagt getan – und nicht weiter nachgedacht. (Im Übrigen gaben wir uns 1997 schon mal kurzzeitig einen anderen Namen: „Berliner Käsechor“ – wegen des Käseballetts in unserer Wagner-Orwell-Parodie „Prinz Erpel und die grünlich-graue Prinzessin“; hat sich nicht durchgesetzt, und das ist auch gut so.) Kurzum: „Salz“ in Stuttgart wurde ein Erfolg und „EE“ in der Folge zu so etwas wie einem „Label“, an dem uns unsere Freunde außerhalb der Gemeinde (wieder-)erkennen konnten. Von diesem Label sollten wir nicht mehr loskommen, und mancher, der das Ensemble Estragon heute z.B. an Heiligabend erlebt, versteht in Unkenntnis der Historie natürlich nicht, was es mit diesem ulkigen Namen auf sich hat. Bis zu dieser Lektüre.
Dennoch leitete der Zeitpunkt anno 1999, als aus dem 1991 von Christel Bungenstock-Siemon gegründeten Jugendchor das Ensemble Estragon wurde und dessen Leitung ich schließlich 2001 von ihr übernehmen durfte, auch einen Wendepunkt in der inhaltlichen Ausgestaltung unserer Arbeit ein. Dem Erfolg von „Salz“ folgten weitere, größere – auch immer kirchen- und/oder gesellschaftskritische Musicals, so „Der Zylinder des Columbus“, „SANGREAL – Die neunte Prüfung“, „GRIESS“ und zuletzt „CHRISTZILLA – Gottes Klon“ – stets aus der Feder von meinem Freund Lars J. Lange und mir. Alle Werke waren durchsetzt mit Chormusik, aber der Stellenwert an Textinszenierungen – zudem angereichert mit komplexen Choreographien – wurde im Verhältnis zu den musikalischen Anteilen immer größer. Schon in der Vorbereitung auf „Columbus“ mit seinen zahlreichen Sprechrollen wurde deutlich: Irgendwie sind wir kein „Chor“ mehr, und angesichts des zunehmenden Überschreitens der Volljährigkeitsgrenze (erwachsen wurde freilich niemand von uns so richtig) erst recht kein „Jugendchor“. Es war nur folgerichtig, von den Begrifflichkeiten von einst loszukommen.
Nun gab es neben dem Musiktheater, mit dem wir uns an der Welt rieben und mit unserer Sicht auf diese ein Publikum innerhalb und außerhalb der Gemeindegrenzen belästigten, eine weitere interessante Entwicklung, die bis heute anhält: In den Phasen zwischen den Großprojekten pflegten wir weiterhin mehrstimmige Chormusik, die wir in der Regel auf Feiern – auch liturgischen – meist auf Bitte oder Einladung hin erklingen ließen. Ich glaube, es war Pfarrer Bernd Hoffmann, von der Geburtsstunde des EE anno 99 an immer in unserer Nähe, der uns motivierte, mehr zu machen, als „nur“ Chormusik als Bausteine von (gottesdienstlichen) Veranstaltungen zu liefern, die andere planen. So erinnere ich mich z.B. an eine ans Herz gehende, von uns selbst entwickelte Andacht mit vielen, ja, sehr vielen Taizé-Gesängen im räumlichen Zentrum unserer Kirche; ferner an einen Gottesdienst zum Ewigkeitssonntag, der freilich von unserer Chormusik geprägt war, aber wie schon die Taizé-Andacht in der gesamten Dramaturgie bis hin zu atmosphärischen Fragen jene detailverliebte EE-Handschrift trug, die sich in der Auseinandersetzung mit dem Genre Musiktheater und seiner Einheit von Text, Musik, Bewegung und Raum entwickelt hatte. Das wirkt bis heute nach: Wenn wir z.B. eine Passionsandacht gestalten, stellt sich die Frage, was eigentlich musikalisch passieren wird, erst relativ spät. Denn die Musik, und im Fall des EE der nach wie vor gepflegte mehrstimmige Gesang, versteht sich weniger als das Zentrum denn als Werkzeug, das einer gemeinsamen, in Szene zu setzenden Idee dient. Wohlbemerkt einer gemeinsamen oder zumindest einer gemeinsam vertretenen. Und siehe da: „Ensemble“ ist französisch und heißt: „gemeinsam“. Nomen est omen! (Das ist Latein und bedeutet: Der Name ist ein Zeichen, Anm. d. Red.)
Je größer ein Chor ist, desto wahrscheinlicher ist damit zu rechnen, dass während des Singens die in erster Linie mit sich selbst beschäftigten Singenden die Beziehung zu der Person intensivieren, von der sie „dirigiert“ werden. Verständlich: Bei hundert Mann und zweihundert zusätzlichen Frauen kann man von der Sängerin vorne links in Reihe eins nicht erwarten zu registrieren, was der Sänger hinten rechts in Reihe fünf für musikalische Impulse aussendet. Hier läuft alles über die vernetzende dirigierende Person. Eine vokale Gruppierung, die kleiner ist und es sich leisten kann, sich weniger als Chor und mehr als Ensemble zu verstehen, kann hingegen eher das Wagnis eingehen, die Fixierung nach vorne zugunsten eines offenen Ohres für die Gruppe aufzugeben und genau hinzuhören, was links und rechts von einem selber los ist. Ich gebe zu, das ist etwas, was mir sehr gefällt, auch in Sachen Sozialverhalten und insbesondere für eine Gruppierung in einer Kirchengemeinde. Ich erwische mich dabei, dass ich mich als Anleitender am wohlsten fühle, wenn ich an den Punkt gekommen bin, wo ich in keinerlei Prozesse mehr notwendig eingreifen muss. Lustig: An dieser Stelle sei gesagt, dass ich als Mitarbeiter in Neu-Buckow auch stets diakonisch-sozialpädagogische Stellenanteile innehatte und noch nie musikalische. Und dennoch ist das so passend: Kürzlich schilderte ein mir bekannter Sozialarbeiter, dass es ihm in seinem Feld ganz ähnlich gehe: Wenn er nicht mehr „dirigieren“ müsse und die ihm anvertrauten Menschen sich untereinander selbst „regulierten“, dann sei seine Arbeit am besten gelungen. Eine schöne Schnittmenge haben wir da.
Der Begriff „Ensemble“ betont also, DASS etwas im Miteinander geschieht; zudem legt er nicht konkret fest, WAS geschieht. Auch das ist mir sympathisch. Werden wir weitere 20 Jahre gemeinsam singen? Werden wir verstärkt inszenieren? Oder Filme drehen, gar ganz ohne Gesang? Unter unseren EE-Mitgliedern waren und sind mittlerweile auch Religionspädagoginnen und Prädikantinnen – führt der Weg vom Genre Musiktheater vielleicht noch intensiver zum Format der liturgischen Feier? Aber es ist ja ganz wurscht, WAS wir tun, solange uns der Wille trägt, GEMEINSAM zu tun; gemeinsam zu gestalten.
Man sieht uns daher vielleicht auch nach, dass wir im „Jubiläumsjahr“ 2019 nicht mit einem neuen „Stück“ aufwarten. Wir werden uns stattdessen dort aufhalten, wo wir 2018 begonnen haben: „EE Goes Broadway“ war das Motto am 22. September des vergangenen Jahres. Ich möchtedieses Projekt als eines meiner erklärten Highlights in meiner Neu-Buckower Vergangenheit nennen (und das will was heißen, denn diese beginnt 1975). Ich kann mich an keinen heißeren Sommer erinnern – ausgerechnet zur Mittagszeit traf ich mich in den Sommermonaten des „Bernstein-Jahres“ nahezu täglich mit EE-Mitgliedern im Kirchsaal, den ich übrigens auch noch nie so aufgewärmt erlebt hatte. Wir hätten an einen See fahren können, aber was taten wir? Wir studierten Songs mit wirklich großen Texten und großen Melodien von wirklich großen Autoren, die nicht Lange oder Seipolt hießen, sondern eben Bernstein oder Sondheim. Wir sangen, spielten, diskutierten, versuchten zu interpretieren, in die Rollen von Figuren zu schlüpfen, die in ihrem fiktiven Leben mehr erlebt haben als so manches junge EE-Mitglied im realen. Wir versuchten nachzuspüren, was „Lucky to be me“ bedeutet, wenn man sich klar macht, dass es 1944 geschrieben worden ist, und so weiter und so fort… Am Ende, im kühleren September, gab es – für mich eher Nebenprodukt meiner eigentlichen pädagogischen Arbeit – einen umjubelten Auftritt auf der Grundlage der sommerlichen Anstrengungen. Vor diesem hatte ich regelrecht Angst, da ich Zweifel an meinen Fähigkeiten als Klavierbegleiter hegte: Schließlich waren es nicht meine eigenen, mir somit vertrauten Stücke, sondern Kompositionen, die auch ich mir neu erschließen musste, zudem ein Meisterwerk nach dem anderen! Es hat geklappt, aber selbst, wenn es nicht geklappt hätte: Die Phase der Erarbeitung war ein wahres Bildungsereignis für alle Beteiligten, am Ende vielleicht gar fürs Publikum – übrigens das beste, das wir je hatten! Was war mit euch los? Schier ausgerastet seid ihr am Ende! An dieser Stelle Dank dafür! Mit Auszügen des Broadwayprogrammes geht es im Juni zu unserem „20. Geburtstag“ wohin? Na klar, zum Deutschen Evangelischen Kirchentag nach Dortmund! Kein großes Ding, wir baten um einen kleinen sozialdiakonischen Einsatz in einem Krankenhaus oder Seniorenheim; begehen das Große im Kleinen…

JENS SEIPOLT